Rückblick

Live-Talk September 2020: Politik – welche Rahmenbedingungen können wir anpassen, damit gute Betreuung möglich wird?

Darüber diskutierten Gemeinderätin Franziska Teuscher aus Bern, Regierungsrat Christoph Amstad aus Obwalden und Nationalrätin Flavia Wasserfallen zusammen mit den ExpertInnen Dr. Heidi Stutz (Büro Bass) und Prof. Dr. Carlo Knöpfel (FHNW) mit Moderatorin Sonja Hasler.

Zentrale Aussagen aus dem Live-Talk vom 23. September 2020

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«Die AHV deckt sehr viel weniger als die IV.»

«Pflege im engeren Sinne stellt nicht das Hauptproblem dar», bringt Heidi Stutz ihre Erkenntnisse rund um die Herausforderungen der guten Betreuung im Alter auf den Punkt. Die Forscherin hat die finanzielle Belastung von Familien untersucht, die Betreuungsleistungen für ihre Angehörigen wahrnehmen. Sie stellt fest, dass die Übernahme der medizinischen Kosten gesichert sind, aber bei weitem nicht alle Aufwände gedeckt sind. «Viel stärker ins Gewicht fällt oftmals, dass die Kosten für Betreuung, notwendige Präsenz und Überwachung von keiner Sozialversicherung gedeckt sind.» Mit Blick auf die nur im IV-Bereich existierenden Assistenzbeiträge und die doppelt so hohen Hilflosenentschädigungen für Menschen, die in den eigenen vier Wänden betreut werden, hält Heidi Stutz fest: «Die AHV deckt sehr viel weniger als die IV.»

«Es fehlt aktuell die Gesamtsicht.»

Nationalrätin Flavia Wasserfallen betont, dass der Bund sich mit einzelnen Programmen und Gesetzesanpassungen dem Thema Betreuung im Alter annähert – insbesondere mit dem Gesetz für betreuende Angehörige und der überwiesenen Motion zu Ergänzungsleistungen für betreutes Wohnen. Der Bund wird der Tragweite des Themas aber noch nicht gerecht: «Es fehlt aktuell die Gesamtsicht. Der Betreuungsbedarf besteht über einen langen Zeitraum, betrifft viele und es werden immer mehr. Eine gute, zugängliche Betreuungsqualität muss unser Ziel sein – auch um Kosten in der Pflege und durch psychosoziale Leiden zu sparen.»

Mit dem Pilotprojekt der Betreuungsgutsprachen verfolgt die Stadt Bern einen innovativen Ansatz, der Menschen mit tiefen Einkommen in der Finanzierung ihrer Betreuung unterstützt. «Wir können auf Gemeindeebene nicht immer auf die umfassenden Lösungen von Bund und Kantonen warten. Die finanziellen Probleme sind für die Menschen in der Stadt Bern real, deshalb suchen wir nach raschen Lösungen. Unser Projekt ist ein konkreter Schritt zur Unterstützung einer spezifischen Zielgruppe. Wir sind uns bewusst, dass wir nur einen kleinen Teil beisteuern, aber für die Betroffenen ist es ein wichtiger Beitrag», erklärt Franziska Teuscher.

Auch die Sozialdirektorenkonferenz beschäftigt sich mit der Frage des begleiteten Wohnens – sowohl für ältere Menschen als auch Menschen mit Behinderung. Ihr fehlt aber eine Vorgabe vom Bund, wie Betreuung definiert wird und in welchem Rahmen die Kantone agieren sollen: «Betreuung ist politisch noch nicht abgesteckt: was heisst das eigentlich? Diese Frage muss auf Bundesebene gelöst werden.» Christoph Amstad doppelt nach: «Der Bund setzt den Rahmen und die Kantone und Gemeinden agieren gemäss ihrem lokalen Bedarf.»

«Die Finanzierung muss unbedingt berücksichtig werden, damit es nicht bei reinen Lippenbekenntnissen bleibt.»

Neben einer nationalen Strategie kamen mögliche Finanzierungsmechanismen zur Sprache. «Die Finanzierung muss unbedingt mit berücksichtig werden, damit es nicht bei reinen Lippenbekenntnissen bleibt», betont Franziska Teuscher. Auf Bundesebene schätzt Flavia Wasserfallen die Situation der politischen Machbarkeit ähnlich ein, nämlich dass «ein Flickenteppich bestehen bleibt, aber so Schritt für Schritt die Situation verbessert werden kann.» Carlo Knöpfel greift in diesem Zusammenhang die Vorlage auf, die heute konkret zur Umsetzung ansteht: «Die Erweiterung der Ergänzungsleistungen für betreutes Wohnen liegt auf dem Tisch. Hier muss ein erster Schritt in Richtung Finanzierung einer guten Betreuung – unabhängig der Wohnform – gelingen».

Der Live-Talk in voller Länge

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Live-Talk Juni 2020: Was macht gute Betreuung im Alter aus? Und wie lässt sie sich verankern?

Der Live-Talk zum «Wegweiser für gute Betreuung im Alter» zeigt, wie dringend die Debatte rund um die Betreuung im Alter ist. Die Corona-Pandemie hat dies noch einmal verdeutlicht, so die Autoren des Wegweisers, Prof. Dr. Carlo Knöpfel und Riccardo Pardini von der FHNW. Gegenüber der Moderatorin Sonja Hasler betonten sie zudem, wie wichtig es ist, den Dialog zwischen den zahlreichen Akteurinnen und Akteuren anzuregen.

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Die Autoren und die Gesprächsteilnehmenden, Dr. Thomas Heiniger, Dr. Daniel Höchli und Ursula Jarvis waren sich einig: Das System setzt heute falsche Anreize, indem es zum Beispiel rein medizinische Indikatoren für die Beurteilung von Heimen verwendet. «Es ist ein Mangel, dass Betreuung anders behandelt wird als Pflege. Es geht um den Unterstützungsbedarf der Menschen. Und ob man die Unterstützung erhält, die man braucht, sollte nicht vom Finanzierungssystem abhängen», meinte Dr. Daniel Höchli, Direktor Curaviva Schweiz.

Gute Zusammenarbeit ist entscheidend

Obwohl Pflege und Betreuung stark miteinander verbunden sind, ist der Hauptanteil der Care-Arbeit eben oft nicht Pflege sondern Betreuungstätigkeiten wie ein Gespräch während dem Mittagessen oder die Unterstützung bei der alltäglichen Haushaltführung. «Wir sollten den Wert der Betreuungsleistungen herausstreichen. Frühzeitige gute Betreuung ist für die psychische Gesundheit wichtig», so Dr. Thomas Heiniger, Präsident Spitex Schweiz und Schweizerisches Rotes Kreuz. Entscheidend sei die Zusammenarbeit der verschiedenen Berufsgruppen und Institutionen.

Nebst der Finanzierung – die alle Gesprächsteilnehmenden als grosse Herausforderung sehen – wiesen mehrere Zuhörer via Chat darauf hin, dass Hilfe anzunehmen eine grosse Herausforderung für unsere Gesellschaft sei: Denn heute ist dies die Unabhängigkeit. Oder wie Ursula Jarvis, Sozialdiakonin, Leiterin einer Angehörigengruppe und betreuende Angehörige, verdeutlichte: «Gute Betreuung bedingt, dass ich Zeit habe und auf die Beziehung fokussiere. Es geht nicht einfach darum, alte Menschen satt und sauber zu haben, sondern sie in ihrer Eigenständigkeit zu unterstützen und im Gespräch zu begleiten.»